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Zurück zum Sonntagsbraten

Niemand will Massentierhaltung. Fast alle essen Fleisch aus derartiger Haltung. Wie kommen wir aus dem Dilemma heraus?
finn-mund-PEzx3drPCrY-unsplash

Als ich vor langer Zeit Redaktor der Konsumentenzeitschrift «Saldo» war, beschrieb ich dort die Realität in der naturnahen Pouletmast. Tags darauf hatte ich den weinenden Pressesprecher des Grossverteilers am Telefon: «Sie haben alles kaputt gemacht, was wir aufgebaut haben.» Tatsächlich meinte er damit die wenigen Prozent «glücklichen Hühner», mit denen sich – nach 60 statt 30 Tagen Mast – für den Händler prima Werbung machen und deutlich mehr Gewinnmarge erzielen lässt. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Deshalb ist es gut, bringt die «Massentierhaltungsinitiative» (MTHI) das Thema auf die politische Agenda. Sie bezweckt, wie schon der Name sagt, die industrielle Tierhaltung in der Schweiz zu verbieten – und ebenso den Import von tierischen Produkten aus industrieller Produktion. Eine lange Übergangsfrist von 25 Jahren schützt die Investitionen jener Landwirtschaftsbetriebe, die gerade erst einen Hühnerstall für 10’000 Masttiere eingerichtet haben. Im September stimmen wir darüber ab.
Die Ausgangslage ist ähnlich wie vor gut einem Jahr, als die Initiative für sauberes Trinkwasser (TWI) an die Urne kam. (An der wir übrigens mit Videostatements beteiligt waren.) Ein ziemlich radikales Anliegen, das eigentlich alle unterstützen müssten. Denn wer wird ernsthaft dafür sein, unser Wasser zu vergiften? Wer spricht einem intelligenten Schwein ein fühlendes Wesen ab?
Allerdings stellt der Bundesrat diesmal einen direkten Gegenvorschlag zur Initiative auf. Dieser verzichtet jedoch auf eine Importregelung, was einen gravierenden Preisnachteil für inländische Produzent*innen bringen würde. Der Bauernverband, Produzentenorganisationen sowie die bürgerlichen Parteien lehnen Initiative wie auch Gegenvorschlag genauso vehement ab wie damals die TWI.

Ich behaupte jetzt frisch von der Leber (nose to tail 😉 ) weg, dass die höheren Fleischpreise besonders im Gastro-Konsum zu einer Verschiebung Richtung Vegi- bzw. Ersatzprodukte führen würden. Denn in den Restaurant- oder Kantinenküchen wird oft Poulet aus z. B. Brasilien verwendet, das halb soviel (und weniger) kostet als «Schweizer Fleisch» (aus industrieller, stark subventionierter Geflügelproduktion).

Und zu Hause? Erstaunlicherweise kostet in der Migros schon heute mariniertes Planted-Chicken gleich viel wie Standard-Pouletgeschnetzeltes, nämlich etwa Fr. 35.-/Kilo. Wird das Fleisch im Supermarkt teurer, werden Planted und Konsorten auch preislich attraktiver. Oder wir bringen wieder den Sonntagsbraten auf den Tisch und essen dafür in der restlichen Woche kaum Fleisch.
Die Massentierhaltungsinitiative hat auf jeden Fall das Zeug, den längst nötigen Richtungswechsel in der Landwirtschaft anzustossen.

Wetten, wir verpassen auch diese Chance?

Aber eine Chance kannst du jetzt nutzen: Mach mit bei unserer Sommeraktion. Denn: #vegiisstbesser