Wie wir über die Bäuerinnen und Bauern reden sollten

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Sprache zeichnet nicht nur ein Bild der Welt, sie gestaltet sie auch. Wer einen neuen Begriff schöpft und unter die Leute bringt, verändert etwas: Ohne „Passivrauchen“ wäre die Diskriminierung der Rauchenden nicht so weit fortgeschritten wie heute.

Besonders spannend zeigt sich die Sprachentwicklung am Beispiel der Landwirtschaft. Während die Bauern und die Bäuerinnen gar nicht so viel reden, tun es andere über sie umso mehr. Denn die Landwirtschaft ist heute und in naher Zukunft Gegenstand intensiver politischer Diskussionen. Nach der Initiative „für Ernährungssicherheit“ des Bauernverbandes folgt im Herbst die Fair-Food-Initiative der Grünen und dann die Initiative „für Ernährungssouveränität“. Später die Hornkuh-Geschichte. (Übersicht über hängige Initiativen) Soeben eingereicht: Die Trinkwasser-Initiative. Am Sammeln ist „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ und in den Startlöchern die „Massentierhaltungsinitiative“.

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Kreist mit vielen Spatenproben um die "Bauernsame": Autor Jakob Weiss

Untersucht hat die Wechselwirkung zwischen Sprache, Subjekt und Objekt Jakob Weiss im Buch «Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise». Er zeichnet darin nach, wie ökonomischer und technischer Jargon unser Reden und Schreiben über Landwirtschaft prägen – und wie dies unsere Wahrnehmung als Bürger/innen wie auch unsere Handlungen als Konsument/innen beeinflusst.

Zum Bespiel die „multifunktionale Landwirtschaft“, als Begriff in den 90er Jahren eingeführt. Weiss schreibt dazu: „Die Aufteilung in Funktionen erlaubte eine bessere ökonomische Durchdringung bäuerlicher Arbeit und die monetäre Beschlagnahmung bisher nicht erfasster agrarischer Bereiche“ (wie Landschaftspflege, Ökologie). „Zum anderen übte die Bezeichnung eine sedative Wirkung aus: Das absolut Selbstverständliche wurde zu etwas Besonderem gemacht.“ Denn „wer in der Landwirtschaft tätig ist, weiss, dass es unendlich viele und kaum sichtbare ‚Funktionen‘ gibt, die einen Betrieb ausmachen und zusammenhalten“, fährt der Autor fort und schliesst: „Seid lieber umsichtige Landwirte als multifunktionale.“

Jakob Weiss nimmt über zweihundert Seiten hinweg viele derartige „Spatenproben“, wie er es nennt. Beharrlich geht er vom Boden als Grundlage der Produktion aus, vehement verschafft er der Perspektive des Regenwurms Geltung. Das hindert ihn nicht daran, gedanklich weite Kreise zu ziehen, bis hin zu einem Ausflug in Agrarpornografie anhand der «UFA-Revue». Er benennt viele Lebenslügen der Schweizer Landwirtschaft, lüftet so manchen Wort-Schleier und verspritzt hie und da einen etwas bitteren Humor.

Weiss‘ Buch verzichtet auf Rezepte; es ist ein Denkanstoss im besten Sinn. (Praktischer ist der Sprachkompass Landschaft und Umwelt.) Wenn ich künftig über Landwirtschaft und Ernährung schreibe, werde ich hin und wieder innehalten und mich fragen: Was schwingt mit, wenn ich diesen Begriff verwende? Und ich nehme mir vor, «SauErde» von John Berger wieder zu lesen.

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