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Jetzt aber Klartext, bitte!

Täglich sickern bescheuerte Floskeln in unser Hirn und setzen sich im Oberstübli fest. Marketing und Unternehmenskommunikation dominieren im Zeitalter von Owned Media zunehmend, was wir an Inhalten konsumieren. Im Sachbuch «Real Talk» fordern die Autor*innen nichts Geringeres als eine Abkehr vom Bullshit. Charmant, doch nicht immer überzeugend.
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Sachbücher lese ich selten. Wohl weil es so viel toll geschriebene Belletristik gibt, die meine Lese-Zeit besetzt. Wissenschaftliche Standpunkte nehme ich lieber in Form von langen Interviews auf, wie sie z.B. hin und wieder in der Republik zu finden sind (gerade kürzlich: Das Gespräch mit Franziska Schutzbach). Das Online-Magazin, finde ich, löst seinen No Bullshit-Anspruch ein.

So stiess ich denn über ein Interview auf «Real Talk», das sich als „Manifest gegen die Klon-Sprache der Marketing- und Kommunikationsbranche“ und „Ratgeber zur Selbstverteidigung gegen Bullshit“ versteht. Fasziniert hat mich, dass dieser Wurf aus der Praxis kommt: Die Hauptautorin Ivana Leiseder berät wie wir Organisationen in der Kommunikation.

Als „entleerte Sprache, von Inhalten vollständig abgekoppelt“, habe sich Bullshit in Marketing und Kommunikation stark verbreitet, postulieren die Autor*innen im Vorwort – und untersuchen im ersten Kapitel die gesellschaftlichen Aspekte der Misere. Am Ende spricht Nietzsche Klartext: „Die Menschen sind noch fauler als furchtsam und fürchten gerade am meisten die Beschwerden, welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würde.“

Das zweite Kapitel beschreibt Beispiele aus Marketing und Kommunikation, wie wir sie alle kennen. Den langweiligen, weil immer gleich tönenden Marketingsprech, der oft verschleiert, nicht selten beschönigt, was mitzuteilen ist – wenn denn überhaupt ein Inhalt vorhanden ist. Die Ursachen dafür orten die Autor*innen in ganz verschiedenen Zusammenhängen: Der Auswahl der verantwortlichen Personen, der Fixierung auf Kennzahlen, der Einmischung von Fachabteilungen und Vorgesetzten. Aber auch bei den Agenturen, die ihrer Kundschaft mit Business-Floskeln verbrämte Banalitäten teuer verkaufen.

Nach einem Ausflug in die Argumentationslehre und die Rhetorik sucht «Real Talk» im letzten Kapital nach Lösungen: Wie vermeiden wir es, selbst in die Falle zu tappen? Die Ratschläge sind, wie das ganze Buch, praktisch orientiert. Sie laufen darauf hinaus, zu sagen, was zu sagen ist und Geschriebenes mit geeigneten Werkzeugen auf Bullenkacke abzuklopfen und davon zu befreien.

Wohlan denn! Es ist kein Spaziergang, denn Bullshit-Sprache ist heute die Norm. Deshalb wird es immer schwieriger, Kunden davon abzubringen. Besonders, wenn es Unerfreuliches mitzuteilen gibt: Dann wird aus der Ankündigung einer Wohnungskündigung eine „Entmietung“.

«Real Talk» ist ein kurzweiliges, manchmal selbstironisches Sachbuch, unterhaltsam geschrieben, mit überraschenden Verweisen, verspielt gestaltet, mit stimmigen Illustrationen garniert. Nicht immer überzeugt mich die Argumentation; manchmal fehlt mir die Trennschärfe zwischen Werbung und Unternehmenskommunikation. Ich bastle mir aus dem Buch den naheliegenden Vorsatz fürs 2020: Mehr Real Talk, weniger Bullshit!

Links:
www.realtalk.ch

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