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Herrlich, dieses Rauschen …

Warum wir zur Reduzierung des motorisierten Verkehrs auch unsere Sprache hinterfragen sollten. Und was das mit einem schönen Herbsttag im Toggenburg zu tun hat. Ein praktisches Beispiel wie Worte unsere Wahrnehmung prägen.
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gotthardroehre

Goldenes Herbstlaub, angenehme Temperaturen und Sonne pur auf über 800 Metern.
Das perfekte Naturerlebnis.
Dachte sich vergangenes Wochenende gefühlt die gesamte Ostschweizer und Zürcher Bevölkerung. Und rauschte in einer nicht endenden Blechlawine durchs Toggenburg.
Eine Stunde standen wir auf der Landstrasse im Stau. Dabei waren wir nicht einmal wandern, sondern hatten einem Kollegen im Wald ausgeholfen.

Natur pur?

Aber noch mal zurück gespult: Lawine? Rauschen? Stau?
Rauschenden Flüsse habe ich auf der Fahrt keine gesehen. Auch keine schneebedeckten Hänge, von denen eine Lawine hinabstürzen könnte.
Stattdessen Abgase, laute Motoren (der Porsche muss ja ausgeführt werden) und bedrohlich blinkende Rücklichter.
Das fühlte sich nicht nach Natur an. Auch nicht nach Umweltbewusstsein.
Und dennoch waren wir naturliebende Ausflügler schuld daran. Autsch.
In diesem Moment wurde mir nur allzu deutlich vor Augen geführt, was ich neulich im Kundenauftrag für den Sprachkompass notiert habe:
Wörter eröffnen unvermeidlich bestimmte Perspektiven, machen bestimmte Sachverhalte sichtbar, während sie andere ausblenden.
Meist wird uns dies beim Gebrauch der Wörter nur nicht bewusst.

Wenn der Verkehr wie ein Fluss fliesst oder sich wie in unserem Fall staut.
Wenn er als Lawine zwar gewaltig und bedrohlich daherkommt, aber gleichzeitig durch diese Metapher als Naturphänomen verharmlost wird.
Dann liegt die Sorge nahe, dass dieser Verkehr als naturgegeben, als selbstverständlich akzeptiert wird. Ein Teil der Natur und unserer Lebenswelt, der unvermeidbar scheint.
Deshalb kann, nein sollte ein erster Schritt zu massvollerem Handeln ein bewusster und dosierter Umgang mit derartiger Bildsprache sein.

Sprache kritisch hinterfragen

Klingt weit hergeholt? Der Gedanke kam mir auch zunächst. Ein Blick auf die Website des Sprachkompass und eine Fahrt ins Toggenburg später, sehe ich das mit anderen Augen.
Der Sprachkompass basiert auf neuen sprachwissenschaftlichen Methoden der Diskurslinguistik. Er gibt Fachleuten, Entscheidungsträgern sowie Laien ein Instrument in die Hand, ihre sprachlichen Denkmittel in Bezug auf die Themen wie Mobilität kritisch zu prüfen.
Ich lade euch ein, es selbst einmal zu versuchen und mit dem Sprachkompass durch die eigenen Texte und Aussagen zu navigieren.
Warum reden wir scheinbar harmlos vom Wandel des Klimas? Warum nehmen wir Ferien, um Energie zu tanken? Und warum kommen selbst die Grünen in Fahrt?
Was machen diese Metaphern mit uns und unserer Wahrnehmung der Welt?

Es gibt Alternativen

Zurück zum Stau im Toggenburg. Was wäre zu ändern?
In meinem Fall könnte ich versuchen, die in diesem Fall problematische Wassermetaphorik zu vermeiden und sie durch andere Bilder zu ersetzen.
Wie zum Beispiel den Verkehr über die Maschinenmetapher zu definieren. Und ihn so als menschengemacht zu deklarieren.
Statt zu rauschen und zu fliessen, würde er dann dröhnen, rollen und blockieren.
Klingt nicht nach einer Situation, mit der man einen malerischen Wandertag beenden möchte, oder?
Dann lieber eine kurzweilige Bahnfahrt oder gleich ein Spaziergang ab Haustür.
Und dazu: Rauschendes Wasser, das nicht vom Lärm der Autos übertönt wird.

Titelbild: sprachkompass.ch

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