Genossenschaftliches Engagement 2.0

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Informelle Engagements ausserhalb genossenschaftlicher Gremien spielen für die Bewohnenden eine immer wichtigere Rolle. Zu diesem Schluss kommt die Hochschule Luzern. Auf diesen Wandel sollten die Genossenschaften reagieren – und auch ihre digitalen Kommunikationskanäle darauf ausrichten.

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Workshop zum Thema Hofgestaltung in der BEP: In Zukunft könnten solche Themen auf digitalen Plattformen diskutiert werden. © BEP / Franco Bottini

Gemeinsam sind wir stärker! Diese Leitidee war prägend für das Entstehen der grossen Wohnbaugenossenschaften anfangs des 20. Jahrhunderts. Und sie gilt heute noch: Genossenschaftliches Wohnen bedeutet mehr als günstige Mieten; von den Genossenschafter/innen wird erwartet, dass sie die genossenschaftlichen Werte teilen, Verantwortung übernehmen und sich engagieren – zum Beispiel in Kommissionen und Arbeitsgruppen. Gerade grosse, traditionelle Genossenschaften bekunden jedoch immer öfter Mühe, diese Ämter zu besetzen und beklagen deshalb den Verlust des Genossenschaftsgedankens.

Die aktuelle Untersuchung „Nachbarschaften in Genossenschaften“ der Hochschule Luzern zeichnet ein differenzierteres Bild: Der Genossenschaftsgedanke ist bei den Bewohner/innen weiterhin verankert; es ist vielmehr die Form des Engagements, die sich wandelt. Die Studie postuliert eine Verschiebung, weg vom formellen Engagement in Gremien hin zu einem punktuellen, informellen Engagement im Wohnumfeld. Die Genossenschaften seien gefordert, sich auf diesen Wandel einzustellen und die Voraussetzungen zu schaffen: Ihre Mitglieder bräuchten Räume, wo sie sich unkompliziert vernetzen und selbstständig organisieren können. Dabei stünden strukturelle Veränderungen in der Organisation, bauliche Optimierungen oder ein breiteres soziokulturelles Angebot im Vordergrund.

Diese Wunschliste klammert allerdings aus, dass sich ein gewichtiger Teil unseres sozialen Zusammenlebens in virtuelle Räume verschiebt. Einige Genossenschaften tragen diesem Umstand bereits Rechnung: So haben die ABZ und Kraftwerk1 eigene Kommunikations- und Koordinationsplattformen lanciert. Einen ähnlichen Weg hat auch die Baugenossenschaft Zurlinden mit ihrer Sihlbogen-App eingeschlagen.
Viele Genossenschaften scheinen sich mit der Einführung interaktiver Kommunikationsinstrumente schwer zu tun. Das mag zum einen daran liegen, dass solche Instrumente ein anderes Rollenverständnis in der Kommunikation bedingen: Die Genossenschaft gibt die Hoheit über ihre Kommunikationskanäle teilweise an ihre Mitglieder ab – das verlangt Risikobereitschaft und erfordert Mut. Zum anderen binden der Aufbau, die Bekanntmachung und vor allem das Monitoring beträchtliche finanzielle und personelle Ressourcen.

Die Ressourcen dürften kaum eine Hürde darstellen. Ein Blick in die Jahresberichte der Genossenschaften zeigt, dass viele von ihnen Jahr für Jahr freiwillig enorme Summen abschreiben. Spätestens wenn der Wunsch der Basis nach digitalem Austausch unmissverständlich auf dem Tisch liegt, sollte sich die Genossenschaft seiner annehmen.

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